Filmen aus nächster Nähe, digitale Pranger & psychische Belastung: B.I.S.S. e.V. fordert ein Einsatzkräfte-Distanzschutzgesetz zum Schutz von Polizei & Rettern.
Wie der Elefant im Raum den CSD tötete
Der Anschlag auf den Berliner CSD verändert das Sicherheitsgefühl
Am Abend des 25. Juli 2026 ist am Rande des Berliner Christopher Street Days (CSD) ein Fahrzeug vorsätzlich in eine Menschenmenge gefahren. Es gab eine Tote und viele Verletzte, einige darunter schwer. Der Fahrer flüchtete zunächst, konnte aber aufgrund der polizeilichen Ermittlungen als ein amtsbekannter Deutscher mit libanesischen Wurzeln aus dem islamistischen Spektrum identifiziert werden. Sein Aufenthaltsort wurde innerhalb eines Tages ermittelt. Bei der Festnahme durch ein Spezialeinsatzkommando widersetzte sich der 21 jährige Mann den polizeilichen Maßnahmen, griff die Einsatzkräfte mit einer Stichwaffe an und wurde von diesen erschossen.
Aufgrund dieses Terroraktes wurde der Berliner CSD abrupt beendet – und damit ging ein Stück der bisherigen Unbefangenheit dieser Veranstaltung für immer verloren. Es ist verständlich, dass hier viele an das schreckliche Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt denken.
Der CSD wird voraussichtlich auch künftig stattfinden. Aber er wird anders sein. Noch mehr Zufahrtssperren, noch mehr Kontrollen, noch mehr Polizei und Security, noch mehr Sicherheitszonen und noch mehr Angst vor einer Wiederholung der Morde und Mordversuche der Islamisten werden die Veranstaltung begleiten. Das zeigt: Eine Tat verändert eine Stadt und ihre Bewohner weit über ihre unmittelbaren Opfer des Terrors hinaus.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt kein vollständiges Sicherheitslagebild
Warum wir das hier thematisieren, obwohl die Presse darüber in den nächsten Monaten immer und immer wieder darüber berichten wird? Vielleicht haben Sie unsere Meinung zur Polizeilichen Kriminalstatistik im Zusammenhang mit den Themen „Menschenhandel“ und „Messerkriminalität“ schon gelesen (oder in unseren Podcasts für unterwegs angehört). Wir schreiben darüber, weil diese Veränderung in der Polizeilichen Kriminalstatistik kaum sichtbar sein wird. Ein Opfer mehr oder weniger. In ein paar Monaten, so hoffen wahrscheinlich viele Politiker, kräht kein Hahn mehr danach. Aber diese Tat hat dramatische und für die Statistik unsichtbare Folgen für uns alle. Die PKS misst nicht Sicherheit, sie ist kein umfassendes Sicherheitslagebild. Sie erfasst im Wesentlichen nur die wenigen Straftaten, die der Polizei bekannt geworden und statistisch verarbeitet worden sind. Selbst das Bundeskriminalamt weist ausdrücklich darauf hin, dass nur ein Teil der tatsächlich begangenen Straftaten angezeigt wird und die PKS daher nur das Hellfeld abbildet. Das BKA begründet damit die Notwendigkeit eigener Dunkelfeldforschung. Denn das Dunkelfeld ist oft um ein Vielfaches größer als das Hellfeld.
Das Vermeidungsdunkelfeld bleibt unsichtbar
Aber noch weniger erfasst die PKS das, was man als Vermeidungs- oder Rückzugsdunkelfeld bezeichnen könnte. Sie erfasst nicht die Frauen, die abends nicht mehr mit der Bahn fahren, die Jugendlichen, die bestimmte Orte meiden, die älteren Menschen, die nach Einbruch der Dunkelheit lieber zu Hause bleiben, die Familie, die auf ein Volksfest verzichtet, den Geschäftsinhaber, der früher (oder für immer) seinen Laden schließt, den Veranstalter, der eine Veranstaltung absagt oder erheblich verkleinert, die Bürger, die Umwege, Taxikosten und Einschränkungen in Kauf nehmen, um den Gefahren auszuweichen, vor denen sie die Verantwortlichen nicht mehr schützen können oder wollen.
In keinem dieser Fälle muss eine Straftat geschehen, um die Lebensqualität erheblich zu verschlechtern. Genau deshalb tauchen diese Folgen in der PKS nicht auf. Von Politikern wird diese Angst gerne als „gefühlte Kriminalität“ abgetan. Und um den Wahnsinn dieser Realitätsverweigerung komplett zu machen, berufen sie sich dabei - auf die PKS!
Das statistische Paradox der Sicherheit
Das statistische Paradox ist ihnen egal: Ein Ort kann weniger registrierte Straftaten aufweisen, weil vorsichtige Menschen ihn inzwischen meiden (oder kein Personal für die notwendigen Kontrollen vorhanden ist). Die Statistik erscheint günstiger, obwohl der öffentliche Raum faktisch verloren geht. Das Ausbleiben einer Tat kann deshalb dreierlei bedeuten: 1. Der Ort ist sicher, 2. es gab nicht genug Personal für die Aufdeckung von Straftaten, oder 3. die möglichen Opfer haben sich „erfolgreich“ zurückgezogen.
Ein gemiedener Ort kann statistisch also relativ wenige Opfer aufweisen, ohne deshalb sicher zu sein. Ein einfaches Beispiel: Nachts betreten nur noch 100 statt früher 1.000 Menschen einen bestimmten Bahnhof. Dort werden weiterhin zwei Menschen angegriffen. Die absolute Fallzahl bleibt gleich, das Risiko pro Nutzer hat sich jedoch verzehnfacht. Würde die Fallzahl auf einen Angriff sinken, könnte die Statistik sogar eine „Verbesserung“ ausweisen, obwohl das individuelle Risiko fünfmal so hoch wäre wie zuvor. Sicherheit bedeutet folglich nicht nur, dass Menschen nicht angegriffen werden. Sie bedeutet auch, dass sie öffentliche Räume ohne begründete Angst nutzen können. Wer an einem Ort nur deshalb nicht zum Opfer wird, weil er ihn nicht mehr betritt, ist zwar kein Kriminalitätsopfer im engeren Sinne – aber dennoch von der dortigen Kriminalitätslage betroffen. Diese Überlegungen müssen in die aktuelle Diskussion mit einfließen.
Der Preis der Unsicherheit
Menschen bezahlen für tatsächliche oder erwartete Unsicherheit einen Preis (den die meisten Politiker, aufgrund ihrer privilegierten Stellung, vermutlich nicht zahlen müssen) auch wenn sie niemals Opfer einer registrierten Straftat werden. Und dieser Preis geht weit über Taxikosten, Umwege oder den Verzicht auf die U-Bahn hinaus.
Sie bezahlen mit Lebensfreiheit:
- Sie wählen Wohnung, Arbeitsplatz oder Schule nach Sicherheitsaspekten.
- Sie lehnen Schichtarbeit oder Abendveranstaltungen ab.
- Sie besuchen Freunde seltener und lassen Kinder weniger selbstständig werden.
- Sie ziehen weg oder meiden ganze Stadtteile.
- Sie gehen nicht mehr ins Freibad oder besuchen Parks.
- Sie bleiben ständig aufmerksam, planen Fluchtmöglichkeiten und prüfen ihr Umfeld.
- Sie kaufen ein Auto, obwohl sie lieber mit Bus und Bahn fahren würden.
- Sie verlieren Vertrauen in Mitmenschen, öffentliche Räume allgemein und in den staatlichen Schutz.
Damit verändert Unsicherheit nicht nur einzelne Wege, sondern das gesamte Lebenskonzept. Eine Möglichkeit, die aus Angst nicht genutzt wird, ist formal weiterhin vorhanden – praktisch aber verloren. Die U-Bahn fährt, der Park ist geöffnet, das Wetter perfekt für das Schwimmbad und die Veranstaltung findet statt; dennoch stehen diese Angebote einem Teil der Bevölkerung faktisch nicht mehr gleichwertig zur Verfügung. Man könnte dies also als eine unsichtbare Sicherheitsabgabe der Ehrlichen und Wehrlosen bezeichnen. Sie wird nicht vom Staat erhoben, sondern durch unzureichend beherrschte Gefahren. Besonders ungerecht ist ihre Verteilung: Den höchsten Preis zahlen oft gerade diejenigen, die weniger ausweichen können – Menschen ohne Auto, Jugendliche, ältere Personen, Frauen auf nächtlichen Wegen, Schichtarbeiter oder Bewohner belasteter Quartiere.
Besonders schwer wiegt der Verlust der Unbeschwertheit. Wer ständig überlegen muss, wann, wo und mit wem er sich bewegt, verliert ein Stück innerer Freiheit. Wer Kinder hat, wird daran oft verzweifeln. Diese Dauerwachsamkeit kann und wird bei einem Betroffenen Stress erzeugen und die Lebensqualität mindern, ohne dass jemals eine Straftat gegen ihn begangen wird. Die Kriminalstatistik weist dafür exakt null Fälle aus.
Wer also nur die PKS betrachtet, kann diese Unterschiede nicht erkennen.
Die Lehre lautet nicht, dass es keine Zahlen gegeben hätte. Die Zahlen waren vorhanden oder hätten erhoben werden können. Sie wurden nur nicht in ihrer ganzen Bedeutung akzeptiert, weil die Erklärung unbequem war und sie das Selbstbild der Politiker und Institutionen erschüttern würden. Siehe auch dazu unsere Meinung „Die Angst vor dem Shitstorm“.
Wenn eine Statistik politisch beruhigend wirkt, wird sie gern zur Beschreibung der gesamten Wirklichkeit erhoben. Hinweise aus der Bevölkerung, nicht angezeigte Taten, eingeschüchterte Opfer, gemiedene Orte, Beinaheereignisse und Veränderungen des Alltags erscheinen dann nur als bloßes „subjektives Sicherheitsgefühl“. Damit wird nicht die Wahrnehmung der Bürger widerlegt. Sie wird lediglich aus dem Messsystem entfernt.
Hat die PKS vielleicht den CSD-Anschlag ermöglicht?
Eine interessante Theorie, die der Prüfung bedarf. Unsere erste Antwort lautet: Ja! Wir arbeiten noch daran. Der Fall zeigt deutlich die Grenze einer Politik, die Sicherheitsentscheidungen überwiegend aus vergangenen und unzureichenden Fallzahlen ableitet. Mit Sicherheit haben alle beteiligten Polizisten und privaten Sicherheitskräfte im Vorfeld an alles gedacht, was notwendig war, um diese Veranstaltung bestmöglich zu schützen.
Aber sie konnten und können nur mit dem arbeiten, was die Politik zulässt. Und das ist viel zu wenig.
Wir brauchen endlich ein ehrlicheres Lagebild und die PKS ist dafür untauglich. Und sie darf politisch nicht länger als Sicherheits- und Erfolgsnachweis missbraucht werden.
Berlin benötigt ergänzend:
- regelmäßige repräsentative Dunkelfeldbefragungen,
- eine systematische Erfassung von Anzeige- und Vermeidungsverhalten,
- kleinräumige Lagebilder über Angsträume und Rückzugsbewegungen,
- die Auswertung von Beinaheereignissen und konkreten Schwachstellen,
- eine belastbare Verbindung von Kriminalitäts-, Gefährdungs- und Einsatzdaten,
- eine unabhängige Nachbereitung schwerer Sicherheitsvorfälle,
- Sicherheitskonzepte, die sich an möglichen Folgen und nicht nur an vergangenen Fallzahlen orientieren,
- eine umfassende Statistik über die reale Kriminalität, die sowohl das Dunkelfeld nennt, als auch die Qualität der Sicherheitspolitik daran misst, wieviel angezeigten Straftaten überhaupt vor einem Gericht landen und dort dann zur Verurteilung eines Täters führen. All das wurde bereits von uns thematisiert.
Der eigentliche Elefant im Raum
Der Elefant im Raum ist ein Islamist? Jedenfalls ist er nicht nur eine einzelne Statistik und auch nicht eine einzelne Tätergruppe. Der Elefant ist die politische Gleichsetzung von registrierter Kriminalität und tatsächlicher Sicherheit. Er lebt von der Beschränkung der Meinungsfreiheit, die verhindert, dass unbequeme Wahrheiten ausgesprochen werden und weltfremde Ideologien zur Grundlage moralisch einwandfreier, aber real nutzloser oder schädlicher Entscheidungen werden.
Konservatismus ist nicht Extremismus
In rein ideologisch geführten politischen Debatten werden demokratische Konservative, politisch Rechte und Islamisten gelegentlich pauschal gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung ist sachlich falsch und demokratiepolitisch gefährlich.
Konservatismus bedeutet nicht, jede bestehende Ordnung unverändert zu verteidigen. Er bedeutet, Bewährtes nicht leichtfertig aufzugeben, Veränderungen auf ihre Folgen zu prüfen und notwendige Reformen so vorzunehmen, dass funktionierende Institutionen und gesellschaftliche Stabilität erhalten bleiben. Demokratische Konservative wollen insbesondere Rechtsstaat, parlamentarische Demokratie, individuelle Grundrechte und die freiheitliche Ordnung bewahren.
Auch politisch „rechts“ oder „links“ ist eine legitime Position innerhalb des demokratischen Spektrums. Erst wenn Menschenwürde, Rechtsstaat, Pluralismus oder demokratischer Machtwechsel abgelehnt werden, beginnt der Extremismus.
Islamismus und demokratischer Konservatismus unterscheiden sich grundlegend
Islamismus ist dagegen eine politische Ideologie, die Staat und Gesellschaft einer religiös begründeten Ordnung unterstellen will. Soweit dabei religiöse Gebote über Grundgesetz, Volkssouveränität und individuelle Freiheitsrechte gestellt werden, steht diese Ideologie im Gegensatz zum demokratischen Konservatismus. Der eine will den freiheitlichen Verfassungsstaat bewahren, der andere will ihn durch eine religiös legitimierte Herrschaftsordnung ersetzen.
Das Beispiel der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee
Viele Menschen weltweit fliehen vor dem wachsenden Einfluss der Islamisten in ihren Herkunftsländern nach Deutschland. Und die einzige Moschee in Berlin, die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit, in der auch Schwule und Lesben beten durften, musste aus „Sicherheitsgründen“ geschlossen werden. Es war nicht die Angst vor den Konservativen und „Rechten“, die dafür ausschlaggebend war.
Die Moschee stand für einen liberalen Islam: Frauen und Männer beteten gemeinsam, Frauen konnten predigen und das Gebet leiten, und ausdrücklich waren auch schwule und lesbische Musliminnen und Muslime willkommen. Im Oktober 2023 teilte die Moschee mit, dass sie wegen Anschlagsplänen aus dem Umfeld des „Islamischen Staates“ und wiederholter Morddrohungen ihre öffentlichen Gebete, Beratungen und Veranstaltungen einstellen müsse. Die Verantwortlichen erklärten, sie könnten die Sicherheit der Besucher nicht mehr gewährleisten.
Sie musste allein darum schließen, weil gerade ihr liberaler, frauenfreundlicher und homosexuellenfreundlicher Islam sie zum Ziel islamistischer Extremisten machte und ein offener Betrieb nicht mehr verantwortet werden konnte. Auch hier ging also Lebensqualität und Religionsfreiheit verloren, weil der Staat keinen Schutz vor Islamisten gewährleisten kann. Eine konservative Politik hätte das nicht zugelassen.
Sicherheit bedeutet mehr als niedrige Fallzahlen
Eine Stadt ist nicht sicher, weil die falschen Zahlen einer untauglichen Statistik angeblich belegen, dass nur „wenige“ Menschen angegriffen, schwer verletzt, vergewaltigt, beraubt, bestohlen oder getötet werden. Sie ist erst dann hinreichend sicher, wenn Menschen, ihr Leben nicht aus begründeter Angst vor der ausufernden Kriminalität und dem Terrorismus täglich neu organisieren müssen.
Das ist der eigentliche blinde Fleck der Kriminalstatistik: Sie zählt die wenigen angezeigten Taten, aber nicht das ungelebte Leben, das aus Furcht vor diesen Taten aufgegeben wurde, weil die Bürger gelernt haben, Gefahren erfolgreich auszuweichen oder schlimmer, sich an die Straftäter anzupassen. Die Stadt ist erst dann sicher, wenn alle Bürger ihre Straßen, Plätze, Bahnhöfe und Veranstaltungen wieder frei nutzen können.
Fazit: Der CSD darf nicht an der Unsicherheit scheitern
Wir als B.I.S.S. e.V. wollen auf keinen Fall, dass der CSD verschwindet. So wie Frauenrechte, sind auch die Rechte von Schwulen und Lesben ein Gradmesser für eine funktionierenden Demokratie. Aber wenn wir wollen, dass solche Veranstaltungen mehr bleiben als hochgerüstete Sicherheitszonen, die viele Menschen nicht mehr als erlebenswert empfinden, müssen wir endlich anfangen, auch das zu messen und auszusprechen, was die PKS nicht sehen soll.